Versicherer sind der Digitalisierung aufgeschlossen


In den Medien wird häufig das Bild der konservativen Finanzwirtschaft gezeichnet, die in ihrer Selbstzufriedenheit friedlich die Digitalisierung und den Fortschritt verschläft. Eine aktuelle Studie zeichnet allerdings ein anderes Bild.

Für die Studie „Digital Outlook 2025: Financial Services“ hat das Beratungsunternehmen Lünendonk 129 Führungskräfte aus der IT oder dem operativen Geschäft von Banken und Versicherungen zu verschiedenen Aspekten der Digitalisierung in der Finanzindustrie befragt. Und die Versicherer haben sich hier sehr aufgeschlossen präsentiert.

Finanzwirtschaft sieht sich nicht von Disruption bedroht, sieht aber den Kundenzugang kritisch

Ein inzwischen geflügeltes Wort in der Fintech-Industrie lautet, dass die Konsumenten zwar „Banking“ brauchen, aber nicht notwendigerweise eine Bank. Das beschreibt das Menetekel der Disruption. Auf der einen Seiten die Herausforderer in Gestalt junger dynamischer Startups, auf der anderen die tradierten Unternehmen, die förmlich nur darauf warten, vom Markt gefegt zu werden.

So dramatisch empfinden weder Banken noch Versicherer ihre aktuelle Situation. Gerade 33 Prozent der Befragten aus Versicherungsunternehmen sehen „eher eine Bedrohung“ in digitalen Wettbewerbern. 67 Prozent sehen keine oder eher keine Bedrohung.

Befragt nach strategischen und taktischen Herausforderungen der kommenden Jahre zeigt sich indes, dass die Unternehmen sich durchaus Sorgen machen. Mit 73 Prozent der Nennungen rangieren neue Regularien ganz oben auf der Liste der Herausforderungen. Doch auch die Sorge um den Zugang zum Kunden bereitet Sorgen.

Denn 40 Prozent der Befragten sehen im drohenden Verlust der Kundenschnittstelle eine sehr große bzw. große Herausforderung. Und das wohl auch zurecht, man denke nur an die Ambitionen, die beispielsweise branchenfremde Größen wie Amazon im Versicherungssegment hegen. Jeder Fünfte sieht eine sinkende Kundenloyalität und Kundenbindung gleichfalls als Gefahr. So ganz lässt somit die Sorge vor der Disruption dann doch nicht von der Hand weisen.

Versicherer gehen Digitalisierung zielgerichteter als Banken an

Viele Versicherer schleppen noch veraltete Legacy-IT-Systeme mit sich herum. Der Umbau der Konzern-IT ist in vielen Gesellschaften bereits seit Jahren ein Thema. Nicht zuletzt auch unter den Gesichtspunkten Kostendruck, Innovationsgeschwindigkeit und Compliance. Offenbar haben die Entscheider erkannt, dass die Liste der Aufgaben lang genug ist. Um Geschwindigkeit aufzunehmen, bieten sich Verbindungen und Kooperationen mit Insurtechs an. Die Studie bescheinigt den Gesellschaften in dieser Hinsicht ein fokussierteres Vorgehen als den Banken. Was aber auch damit zusammenhängen kann, dass der Digitalisierungsgrad bei den Versicherungsgesellschaften im direkten Vergleich geringer ausfällt.

Eindeutig ist allerdings, dass die Versicherer eher Kooperationen mit Insurtechs eingehen, statt direkte Beteiligungen zu suchen. Im Durchschnitt hat gerade einmal ein Drittel der Unternehmen schon einmal ein Startup übernommen oder sich daran beteiligt. 45 Prozent arbeiten dagegen mit den jungen Unternehmen intensiv auf Projektbasis zusammen, 75 Prozent nutzen deren Produkte und Services oder integrieren diese.

Das kann ein probates Mittel sein, um das Innovationstempo zu steigern, wenn denn Detailfragen in der IT beantwortet sind, wie die Lösung von Schnittstellen. Da Insurtechs keine Altlasten mit sich herumschleppen müssen, sind deren Systeme nach modernen Gesichtspunkten unter Einbeziehung der Cloud und der Verwendung von Micro-Services konzipiert.

Versicherer gehen Digitalisierung zielgerichteter als Banken an

Der „Zukauf“ von Innovationen in Form von Kooperationen oder Firmenübernahmen scheint auch nötig zu sein, wenn die Verwendung von Technologiefeldern bei den Versicherern untersucht wird. Hier zeigt sich, dass die Cloud und damit verbundene Security inzwischen in den Gesellschaften auf breiter Front genutzt wird. 68 Prozent der Gesellschaften setzen bereits auf die Cloud, 29 Prozent führen sie gerade ein oder haben entsprechende Projekte angeschoben.

Erstaunlich hoch ist der Anteil der Befragten, die ausgesprochenen Zukunftstechnologien noch skeptisch gegenüberstehen. So halten 88 Prozent der Befragten das IoT (Internet der Dinge) für nicht relevant, obwohl IoT etwa als eine der Schlüsselkomponenten von Industrie 4.0 angesehen wird. Weit über die Hälfte hegt noch keinerlei Ambitionen in der Blockchain-Technologie und den sich hier ergebenden Möglichkeiten von Smart Contracts. Und auch in Hinblick auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz laufen deutsche Versicherer Gefahr, den Anschluss an globale Entwicklungen zu verlieren, denn vier von zehn Befragten sehen darin keinerlei Relevanz.

Gerade die Zurückhaltung in Sachen KI kann sich als ein entscheidender Nachteil herausstellen, denn das Potenzial und die Fortschritte dieser Technologie lassen sich kaum von der Hand weisen. Ob im Handel, der Cyber-Security und auch im Stammgeschäft von Versicherungsgesellschaften: KI findet Muster und Auffälligkeiten schneller als jeder Mensch und begeht dabei weniger Fehler. Hier müssen Versicherer aufpassen, nicht von Startups und Marktfremden überholt zu werden. Denn Disruption kommt häufig schneller als angenommen.

 

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